Donnerstag, 1. Mai 2014

Philosophisches Gespräch mit Alice Little

Heute morgen war ich einige Zeit wach gelegen, dann dämmerte ich nochmals ein und es glang mir, vom Körper wegzuschweben. Meistens verlasse ich mein Schlafzimmer durch das Fenster, heute bewegte ich mich jedoch direkt zur Türe und landete drüben im Wohnzimmer. Ich spürte, dass ich mich tatsächlich im Wohnzimmer befand, daran bestand kein Zweifel, aber ich konnte absolut nichts sehen. Ich versuchte es mit einem entschiedenen "Klarheit sofort!" aber alles um mich herum blieb dunkel. Da fiel mir ein, dass ich heute Morgen mal wieder die Schlafbrille angezogen hatte und beim Griff an die Stirn stellte ich fest, dass ich sie auch noch jetzt im ausserkörperlichen Zustand trug. Ich schob sie zur Zeit und erlangte beste Sicht. Im Wohnzimmer war alles genau so, wie ich es kenne. Allerdings war draussen strahlendstes Sommerwetter (was nicht dem aktuellen Wetter entsprach) und auf dem Hof bemerkte ich anstelle der Parkplätze eine Rasenfläche, auf der sich eine grosse Gruppe spielender Kinder tummelte. Sie waren alle weiss angezogen und wirkten wie eine Gruppe Sonntagschüler. Sie spielten eine Art Kindertennis und lachten und plapperten viel. Obwohl meine Aufmerksamkeit eigentlich direkt von dieser Szenerie angezogen worden war, blieb ich erst noch im Wohnzimmer und wendete mich dem Spiegel zu. In letzter Zeit hatte ich öfter mit Körperveränderungen experimentiert, was ich auch heute wieder versuchte. Es gelang nicht besonders gut, denn alles was ich visualisierte, war nur einen kurzen Moment sichtbar und verschwand dann schnell wieder. Ich sah einfach ganz genau so aus wie im Wachzustand und trug sogar den dunkelfarbigen Schlafanzug, den ich in der Nacht anhatte. Ich beschloss, das Zimmer zu verlassen und draussen zu schauen, was dort vor sich ging. Zuvor versuchte ich aber noch die Farbe meines Schlafanzugs aufzuhellen, damit ich unter all den Weissbekleideten nicht sofort auffiel. Es gelang mir eine Mischung aus einigen hellen Pastelltönen und schon trat ich durch das Fenster und schwebte nach unten. Ich landete direkt bei der Lehrerin der Gruppe, einer jungen, hübschen Frau mit blonden Locken, die im Nacken zusammengebunden waren. Sie hatte blaue Augen, eine porzellanfarbene Haut und trug eine hellblaue, hochgeschlossene, langärmlige Bluse und einen langen Rock. Ich hatte den Impuls, sie auf Englisch anzusprechen aber sie kam mir zuvor und begrüsste mich freudig:

"Hallo, ich bin Alice Little. Bist du das erste Mal auf der Astralebene unterwegs?"

"Oh nein, ich war schon viele Male dort." antwortete ich.

"Bist du in der Kirche aktiv?" fragte Alice neugierig.

"Nein, Alice, das bin ich nicht. Ich glaube an die Macht des Universums und daran, dass alles mit allem verbunden ist und wir voneinander lernen um uns zu entwickeln und um mehr Bewusstheit zu erlangen". 

Meine Stimme hatte einen monoton-metallischen Klang angenommen und erinnerte mich an ein anderes Erlebnis, als ich jemandem eine Botschaft überbracht hatte und das Gefühl hatte, ich spräche gar nicht selbst sondern eine Art höhere Macht oder bewussterer Teil meiner selbst, der aus der Zukunft zu kommen schien, spräche durch mich hindurch. Trotzdem war ich auch mit meinem Alltagsbewusstsein anwesend und ich hatte Sorge, Alice könne nun entäuscht sein, da sie mich so erwartungsvoll angesehen hatte. Ich wollte noch erklärend hinzufügen, dass in der Zeit, aus der ich kam nur noch verhältnissmässig wenige Menschen in der Kirche aktiv waren aber statt dessen fragte ich:

"In welchem Jahr befinden wir uns hier?"

"Oh, wir haben sowieso nur noch ein Jahr" meinte Alice (was ein Hinweis darauf war, dass die Erfahrung gleich beendet sein würde, wie mir im Nachhinein bewusst wurde). Ich liess nicht locker und legte nach:

"Habt ihr denn keinen Kalender? Ist das vielleicht das Jahr 1930?"
Ich hatte einfach mal geraten, sie schienen mir definitiv in einer vergangenen Zeit zu leben. Leider wurde die Szene nun etwas instabil und ich war leicht verwirrt. Die Kinder konnte ich nicht mehr wahrnehmen, auch schien keine Sonne mehr und ich konnte plötzlich nicht einmal mehr den Namen meiner Gesprächspartnerin erinnern.

"Wie heisst du nochmal?"

"Ich bin Alice Little" antwortete sie und blickte mich ebenfalls verwirrt und leicht vorwurfsvoll an. In dem Moment merkte ich, dass sie auf eine Grösse von ca. 20cm geschrumpft war und dabei war, sich in eine Puppe zu verwandeln. Schon war ihr Gesicht starr. Aber ich wollte ihr unbedingt noch etwas sagen und in den allerletzen Sekunden ergänzte ich mit metallisch-monotoner Stimme:

"Alice, listen to me! Once you die you will realize that death doesn't really exist. You will live on and on and on forevermore...". 

Als ich geendet hatte, war Alice nur noch ca. 5 cm gross. Sie hatte sich in eine Marienkäferstatue aus Holz verwandelt und blickte ausdruckslos an mir vorbei. In dem Moment klingelte mein Wecker und ich erwachte.

Nachtrag: Als ich später am Tag im Internet nach "Alice Little" googelte, stiess ich sogleich auf eine Alice Liddell, die Mitte des 19. Jahrhunderts in Oxford geboren wurde und als Vorbild für Lewis Carolls "Alice im Wunderland" diente. Ihr Vater war Dekan des Christ Church-College Oxford und man kann annehmen, dass sie eine christliche Erziehung genossen hat. Sie war 1934 gestorben und ich frage mich, ob es vielleicht tatsächlich diese Alice war, die ich auf der Astralebene angetroffen habe. Vielleicht ist sie nach ihrem Tod an diesen Ort gegangen und verbringt seither ihre Zeit in malerischer Umgebung mit einer Gruppe Sonntagsschüler. Mit meiner Jahresschätzung 1930 wäre ich dann auch recht nah an ihrem Todesdatum gewesen. Interessant ist auch, dass ich den Impuls hatte sie auf Englisch anzusprechen und es letztendlich auch tat. Falls sie meine Botschaft richtig verstanden hat, könnte es dazu führen, dass sie erkennt, dass ihre Umgebung durch ihre Überzeugungen gestaltet wird und es ihre Entscheidung ist, wie lange sie dort verweilt.

Eine seltsame Koinzidenz ereignete sich später auf dem Weg zur Arbeit (und vor meiner Internetrecherche). Mir fiel ein Plakat auf, das eine Braut zeigte, die mit Masern im Bett lag (in meiner Stadt wird gerade eifrig für Masernimpfung geworben). Wie ich dann erfuhr, hatte Alice Liddell eine jüngere Schwester, die kurz vor ihrer Hochzeit an Masern gestorben war, was ein herber Schicksalsschlag für Alice gewesen war. Auch insofern war meine Botschaft über den nicht existierenden Tod passend und mag ein Erkenntnis bringender Trost für sie gewesen sein.

Alice Liddell (Wikipedia)

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