Im
letzten Eintrag habe ich von zwei ungewöhnlichen Situationen im
Alltag berichtet. Dass ein Text vor den Augen verschwimmt, plötzlich
gar keinen Sinn mehr ergibt oder Spiegelverkehrt erscheint, ist
etwas, das im Traum sehr häufig vorkommt, im Alltag jedoch eher
selten. Wenn so etwas passiert, sei es im Alltag oder im Traum, sucht
der Verstand schnell nach einer Erklärung und findet meistens
gleich verschiedene, die mehr oder weniger plausibel erscheinen. So
war einer meiner Erklärungsversuche im Fall der Spiegelverkehrten Grafik, dass sich jemand einen Spass mit mir erlaubt
hatte. Die Sache mit der sms war schon etwas komplizierter. In
beiden Fällen war jedoch auch mein fehlendes technisches
Hintergrundwissen eine gute Erklärung, wenngleich dies ebenfalls
nur eine Variante des Verstandes sein könnte, denn was der
Verstand nicht erklären kann, nimmt er entweder gar nicht wahr
oder er nimmt es ganz einfach als gegeben bin. Eine andere beliebte
Möglichkeit des Verstandes ist es, derartige Vorfälle für
einen komischen Zufall zu halten. Solche "komischen Zufälle"
gibt es im Traum ständig – dort nennt man sie Traumzeichen -
und manchmal kommen sie auch im Alltag vor. Wenn mir solche Zeichen im Alltag begegnen, weiss ich im jeweiligen Moment nicht, was sie bedeuten und ob sie überhaupt etwas bedeuten. Ich registriere sie einfach und lasse mich davon faszinieren, weil
sie einen Hauch nicht erklärbarer Magie mit sich bringen, die
ich sonst nur aus der Traumwelt kenne.
Beispielsweise
ist mir vor einiger Zeit frühmorgens eine Bierdose aufgefallen,
die auf einem schicken, teuren Auto stand. Ein Nachtschwärmer
musste sie dort abgestellt haben und ich sah schon den Besitzer des
Autos vor mir, wie er sich wohl darüber ärgern würde.
Einige Stunden später ging ich an einem völlig anderen Ort
im Wald spazieren. Dort blitzte mir aus dem Unterholz plötzlich
genau die gleiche Bierdose entgegen. Warum mir dies jeweils auffiel, kann ich nicht sagen. Beide
Male fühlte ich mich aber etwas ähnlich, wie wenn mir im
Traum seltsame Dinge auffallen. Ein anderes Mal sass ich im Zug im
Speisewagen. Der Tisch schräg gegenüber von mir war noch
frei und ich sah, wie ein junger Mann den Wagen betrat und dort Platz
nahm. Kurz darauf kam ein Paar und setzte sich an denselben Tisch.
Die Frau sass mit dem Rücken zu mir, ihr Partner sass neben dem
jungen Mann. Ganz offensichtlich kannten sich die beiden Männer
nicht, sie wechselten kein Wort miteinander und der junge Mann las
die ganze Zeit über in seinem Buch. Nun war es aber so, dass
sich beide Männer unglaublich ähnlich sahen. Sie hatten
dieselbe Frisur, Gesichtsform, Mund-, Nasen- und Augenpartie waren fast identisch und sie trugen sogar eine ähnliche Brille. Auch
in der Ausstrahlung wirkten sie wie Zwillinge, der einzige
Unterschied war das Alter und die Statur, da der ältere etwas
kräftiger gebaut war als der jüngere. Ich starrte die
beiden immer wieder an und wunderte mich darüber, dass diese
grosse Ähnlichkeit nur mir aufzufallen schien. Die Frau, die ja
schliesslich ihrem Partner direkt gegenüber sass und auch den
jungen Mann gut im Blickfeld hatte, schien nichts zu bemerken und
auch die Männer schauten kein einziges Mal zur Seite um sich ihr
Double genauer anzusehen. Um dem ganzen noch eins drauf zu setzen, stand der
ältere Mann einige Tage später plötzlich direkt neben
mir an einer Ampel. Dass ich mir völlig fremde Personen in
kurzen Abständen an völlig verschiedenen Orten wiedersehe,
passiert mir relativ häufig. Meistens fallen sie mir auf, weil
wir uns gerade in einer ähnlichen Situation befinden z.B. an der
Kasse, in einem Café, beim Ein- oder Aussteigen aus Bus oder
Zug usw. Fast immer sind jedoch noch mehrere Leute um uns herum und
ich kann nicht sagen, aus welchem Grund genau die Person meine
Aufmerksamkeit weckt, die ich dann nur kurze Zeit später in
einer anderen Situation an einem anderen Ort wiedersehe. Ich merke,
dass mein Bewusstsein in solchen Momenten sehr ähnlich reagiert
wie in einem Traum, in denen diese Koinzidenzen sehr häufig
auftreten. Im Traum werden diese sog. Traumzeichen vom Träumer selbst inszeniert und
sollen den Träumer darauf aufmerksam machen, dass er sich in
einem Traum befindet. Traumzeichen sind sehr individuell und bei
genauer Beobachtung der eigenen Träume, kann man feststellen, zu
welchen Traumzeichen man selbst neigt. Hat man sich diese bewusst
gemacht, sind die Chancen grösser, ein solches Traumzeichen im
Lauf eines Traumes tatsächlich bewusst wahrzunehmen und darüber
luzide zu werden und nach Belieben agieren zu können (fliegen,
durch Wände gehen etc.), sofern es einem gelingt, die Klarheit
im weiteren Verlauf des Traumes aufrecht zu erhalten. In Anbetracht dessen, dass der Alltag ebenfalls eine Art Traumwelt ist (oder sein könnte), müsste es auch hier möglich
sein, luzide Erfahrungen zu machen. Ob man dann aber tatsächlich
über die gleichen Fähigkeiten verfügt, wie in einem
luziden Traum, das ist schwer vorstellbar für mich. Dafür
ist die Wahrnehmungs- und Erlebniswelt im Alltag doch zu
unterschiedlich vom Traumerleben. Wenn dem aber so ist, beginnt die
Luzidität im Alltag sicherlich damit, Koinzidenzen/Traumzeichen
wahrzunehmen – ganz so wie es auch für das Erreichen der
Luzidität im Traum der Fall ist.
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